Zombie Malthus

Der folgende Text ist der zweite Teil einer dreiteiligen Serie über den Malthusianismus. Der erste erklärte den Begriff und die Geschichte des Malthusianismus. Obwohl der 222 Jahre alte Malthusianismus vielfach widerlegt wurde, erlebt er momentan einen Aufschwung. Malthusianische Argumente haben zum Leiden von Millionen Menschen beigetragen. Deswegen ist es wichtig zu verstehen, warum das Gespenst des Malthusianismus immer noch umhergeht – dies ist Thema dieses Teils. Schließlich lege ich im dritten Teil eine Alternative zum Malthusianismus vor.

Inhalt

Eine untote Theorie?

Ende 2019 hielt der Philosoph und Sprecher von „Extinction Rebellion“ Rupert Read einen Vortrag am University College London. Während der Fragerunde sprach er sich gegen das Ziel aus, die Müttersterblichkeit auf der Welt auf das Niveau von Großbritannien zu senken: „It’s fake for anyone to pretend that in the long-term it will be possible for everyone […] to have maternal mortality rates along the same kind of level that we have in this country at present. That is just not ecologically possible. That means, we have to make some hard and thoughtful honest choices.“1

Read begab sich in die Höhle des Löwen. Im Rahmen einer Veranstaltung der „Human Development and Capability Association“ – einer von Amartya Sen gegründeten Organisation – wandte er sich gegen das Konzept der menschlichen Entwicklung und Entfaltung. Gleichzeitig vertritt Read einen wieder aufflammenden Malthusianismus.

In seinem Zitat stecken sowohl die Kontinuitäten als auch die Verschiebungen im malthusianischen Denken. Mit der Forderung, junge Mütter sterben zu lassen, steht es klar in der Tradition von Malthus. Die Begründung hat sich allerdings verlagert, wie Reads Vortrag zeigt: Als zentrales Argument dient nicht mehr die erwartete Lebensmittelknappheit durch Bevölkerungswachstum, sondern der prognostizierte Zusammenbruch der menschlichen Zivilisation durch den Klimawandel.

Traditionelle malthusianische Argumente – dies hat der erste Teil dieser Serie gezeigt – sind theoretisch wie empirisch nicht zu halten. Des Weiteren empfahl der Malthusianismus ethisch fragwürdige Maßnahmen, die mit großem menschlichen Leid verbunden waren. Es wirkt befremdlich, dass diese Ideen wieder mehr Menschen überzeugen.

Verständlicher wird diese Entwicklung, wenn man sich vor Augen führt, dass die Menschheit die gegenwärtigen großen Umweltprobleme selbst verursacht hat. Zugleich scheinen die politischen und ökonomischen Systeme auf der Welt unfähig, adäquat auf diese Probleme zu reagieren. Es leuchtet ein, dass die bisherige Untätigkeit nicht gerade das Vertrauen in die Fähigkeit der Menschheit stärkt, diese Probleme zu lösen.

Dagegen verleitet die Untätigkeit einige Menschen dazu, pessimistisch über die Natur des Menschen zu spekulieren. Allerdings haben die letzten Jahrzehnte die alte malthusianische Vermutung widerlegt, dass es in der menschlichen Natur läge, möglichst viele Kinder bekommen zu wollen.

Die Ansichten der geistigen Nachfolger*innen des Malthusianismus sind heterogener und deswegen schwerer zu fassen. Viele von ihnen meinen, dass es in der menschlichen Natur läge, möglichst viel konsumieren zu wollen. Dadurch gerät die Bevölkerungsentwicklung wieder in den Blick: Es wirkt unrealistisch, dass das Ökosystem der Erde bald acht Milliarden Menschen mit unersättlichen Bedürfnissen dauerhaft tragen kann. Viele erwarten außerdem – wie die Malthusianer*innen der 1960er Jahre – den kaum noch zu vermeidenden Zusammenbruch der menschlichen Zivilisation.

Was sie eint, ist der Ruf nach einem autoritären und harten Vorgehen, um die menschliche Natur oder die kommende Katastrophe zu bremsen. Das macht es umso wichtiger, die Stichhaltigkeit der Argumente zu überprüfen, auf denen diese Handlungsempfehlungen gründen. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt der Argumente müssen die vorgeschlagenen Vorgehensweisen kritisch hinterfragt werden: Meines Erachtens sind die eingesetzten Mittel genauso wichtig wie die anvisierten Ziele.

Feindbild Mensch

Alte Bekannte

Der „Club of Rome“ verdient Anerkennung, weil er viele Menschen für die ökologischen Probleme unserer Zeit sensibilisiert hat. Gleichzeitig setzten sich die Organisation und ihre Mitglieder in ihren Publikationen immer wieder für eine autoritäre Umweltpolitik ein. Ihr Generalsekretär von 2014 bis 2018, Graeme Maxton, sinnierte darüber, die Demokratie vorübergehend abzuschaffen, wenn die nach seiner Meinung notwendigen Maßnahmen nicht getroffen werden. Er begründete dies damit, dass sonst Milliarden Menschen stürben:

Wenn die heutigen Politiker außerstande sind, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, bleiben noch weniger Optionen. Entweder wird nichts unternommen, dann gerät der Klimawandel aus den Fugen und zerstört Milliarden von Leben, oder es wird die bestehende Führungsriege ausgetauscht, sei es in einem Wahlprozess oder auf weniger demokratische Weise. Alternativ könnte eine technokratische Regierung bestellt werden, die das Notwendige unternimmt […] .2

Auch der 2012 erschienene „neue Bericht an den Club of Rome“3 lobt den in seinen Worten „starken“ chinesischen Staat – also eine Diktatur: China sei am ehesten in der Lage, auf den Klimawandel zu reagieren. Insgesamt ist der demokratieskeptische Bericht von einem Misstrauen gegenüber der Zivilgesellschaft geprägt, die Umweltprobleme ohne autoritäre Lenkung einer Elite in den Griff zu bekommen: Eine Sichtweise, die man als Umwelt-Leninismus bezeichnen könnte.

In der Bevölkerungspolitik haben sich die Prioritäten etwas verschoben. Etwas in den Hintergrund getreten ist die Befürchtung, dass das Bevölkerungswachstum in den armen Ländern zu großen Hungersnöten führt. Stärker in den Vordergrund getreten ist dagegen die Befürchtung, dass die Bevölkerungsentwicklung und der damit verbundene steigende Konsum zum ökologischen Kollaps führt.

Jedoch ist auch im 2012er Bericht an den Club of Rome „Geburtenkontrolle“ das wichtigste Mittel, um diesen Kollaps aufzuhalten. Im Gegensatz zu früher stehen die reichen Länder durch ihren hohen Konsum stärker im Mittelpunkt. So fordert eine 2016 erschienene Publikation des Club of Rome, Frauen in den Industrieländern 80.000 US-Dollar auszuzahlen, wenn sie weniger als zwei Kinder bekommen.4 Auch Paul R. Ehrlich kritisiert nun stärker den Konsum der Reichen und das Wirtschaftswachstum,5 während er in der „Bevölkerungsbombe“ vor allem die Fertilitätsrate armer Menschen betrachtete.

Die extrem brutalen Maßnahmen wie das Aushungern ganzer Länder, die der Malthusianismus in den 1960 und 1970er Jahren zur „Geburtenkontrolle“ vorschlug, spielen heute auch durch die verschobenen Prioritäten kaum mehr eine Rolle. Auch Hardliner wie Ehrlich lehnen inzwischen Zwangssterilisationen ab. Dennoch loben beispielsweise einige der genannten Publikationen des Club of Rome noch die Ein-Kind-Politik Chinas.

Außerdem existieren noch klassische malthusianische Organisationen wie die Schweizer Initiative „Ecopop“. Ihr Gründer verwendet den durch den nationalsozialistischen Völkermord vorbelasteten Begriff des Lebensraums,6 um seine migrationsfeindliche Agenda zu stützen. Jedoch ist „Ecopop“ in der Schweizer Umweltbewegung isoliert, weil alle anderen Umweltorganisation ihr ablehnend gegenüberstehen.7

In Großbritannien ist in letzter Zeit „Population Matters“ durch ihren traditionellen Malthusianismus aufgefallen.8 Die Organisation forderte eine Netto-Null-Migration nach Großbritannien, wodurch das Asylrecht faktisch abgeschafft worden wäre. Mit den „PopOffsets“ der Organisation konnte man seine CO2-Emissionen kompensieren, indem man die Sterilisation von Menschen in armen Ländern finanzierte.

Durch ihre ikonischen Schirmherr*innen wie Sir David Attenborough und Dame Jane Goodall ist „Population Matters“ stärker in der Umweltbewegung verankert als „Ecopop“. Allerdings hat der Druck anderer Akteur*innen aus der Bewegung dazu geführt, dass „Population Matters“ die eben genannte Haltung zur Migration nicht mehr vertritt und keine „PopOffsets“ mehr anbietet.

Eine stärkere Rolle spielt gegenwärtig eine pessimistische Einschätzung der menschlichen Natur aufgrund der ungelösten Umweltprobleme. Der 2012er Bericht an den Club of Rome geht deswegen von einer baldigen Militarisierung des Umweltschutzes aus:

Ich vermute, der Übergang des Militärs zur „grünen Truppe“ […] wird sehr viel rascher erfolgen als erwartet. Dies wird der materielle Ausdruck des vielleicht bedeutendsten nicht-materiellen Wandels der kommenden 40 Jahre sein: des geänderten Feindbilds. Nicht der nächste Nachbar mit einer abweichenden Meinung […] wird der „Feind“ sein, sondern der vom Menschen verursachte Klimawandel. Nicht jemand anderes, sondern das Kollektiv, dem jeder von uns angehört — oder um ein Poster vom ersten Earth Day 1970 zu zitieren: „Wir sind dem Feind begegnet und wir sind es selbst.“9

Neue Strömungen

Roger Hallam, Mitgründer von „Extinction Rebellion (XR)“, teilt dieses düstere Menschenbild, wenn er den Holocaust als „just another fuckery in human history“ relativiert. Auch für die nähere Zukunft befürchtet er das Schlimmste: „We are facing mass starvation in the next ten years, social collapse, and the possibility of the extinction of the human race. It couldn’t be worse.“10

Ein einflussreicher Artikel in XR-Kreisen heißt „Deep Adaptation: A Map for Navigating Climate Tragedy“. Er ist über eine halbe Million mal heruntergeladen worden. Sein Autor Jem Bendell argumentiert, dass die etablierte Klimawissenschaft die Folgen des Klimawandels völlig unterschätze. Deswegen müsse man sich auf den bevorstehenden globalen gesellschaftlichen Zusammenbruch einstellen, der in der baldigen Zukunft komme: „But when I say starvation, destruction, migration, disease and war, I mean in your own life. […] You will fear being violently killed before starving to death.“11 Wissenschaftliche Zeitschriften lehnten – nicht ganz überraschend – die Publikation des Artikels ab.

Wie Bendell sagt Rupert Read massive Migrationsbewegungen durch den Klimawandel voraus. Reads Antwort darauf ist, den freien Personenverkehr weiter einzuschränken. Er fordert die Grünen Parteien der Welt auf, Stellung gegen Migration zu beziehen. Als Begründung nennt er erstens, dass Länder wie England nicht die Kapazität hätten, die vielen Klimaflüchtlinge aufzunehmen.

Zweitens spielt er in seiner Argumentation auf die lifeboat ethics des rassistischen Ökologen Garrett Hardin an: „There ought to be lifeboats. It would be better for some civilization to survive than for no civilization to survive.“12 Das ist Malthusianismus in seiner Reinform – nur unter einem neuen Deckmantel.

Allerdings rechnet er auch in England mit einem baldigen Kollaps: In einem irritierenden Vortrag vor Londoner Kindern erzählt er ihnen, dass sie aufgrund des Klimawandels womöglich nicht das Erwachsenenalter erreichen würden.13 Auch Jem Bendell scheint stolz darauf zu sein, dass sich aufgrund seines Artikels Menschen psychologische Hilfe suchen mussten.14

Im Extinction Rebellion Handbuch beschreibt ein kurzer Artikel, wie eine der drei Kernforderungen von XR – Klimaneutralität bis 2025 – erreicht werden soll.15 Er fordert keine gerechte oder ökologische Neuausrichtung der Globalisierung, sondern ihr „dramatische[s] Ende“: Der globale Personen- und Warenverkehr soll weitestgehend eingestellt werden. Energie wäre streng rationiert und auf das Lebensnotwendige beschränkt. Der Artikel meint, dass die bevorstehenden „apokalyptische[n] Auswirkungen“ des Klimawandels die Bevölkerung dazu bringen könnte, diesem Plan zuzustimmen.

Es ist davon auszugehen, dass viele Mitglieder von XR diese Ansichten nicht teilen. Viele haben sich von Hallams Aussagen distanziert und stehen für eine humanistische Klimapolitik. Aktvist*innen wie Carola Rackete verdienen tiefe Anerkennung. Dennoch existiert eine vom Malthusianismus geprägte Strömung in XR. Die beiden Publikationen, die XR auf der deutschen Homepage empfiehlt, durchweht ein häufig apokalyptischer, tiefenökologischer und technikskeptischer Wind.16,17 Dieser kann durchaus dazu verleiten, sich malthusianischen Ideen zuzuwenden.


Eine noch größere Technikskepsis zeichnet die konservative Spielart der Wachstumskritik aus, die in Deutschland der völkische Umweltschützer Herbert Gruhl popularisierte. (Der Vorsitzende der Herbert-Gruhl-Gesellschaft, Volker Kempf, verbreitet Gruhls Thesen inzwischen in der AfD.) Ein gegenwärtig bekannter Vertreter ist der Ökonom Niko Paech. In einem Zeit-Artikel18 fordert er die umfassende Deglobalisierung und Deindustrialisierung des Globalen Nordens. Auch den Ausbau erneuerbaren Energien empfindet er als „größenwahnsinniges Technologieprojekt“.

Für Paech sind die globalen Umweltprobleme maßgeblich die Folge einer charakterschwachen Bevölkerung des Globalen Nordens: Er stellt sie als dekadent, egozentrisch und konsumgierig dar. Die ökonomischen Ungleichheiten in diesen Gesellschaften ignoriert er dabei.

Im gleichen Atemzug lehnt Paech die kulturelle Globalisierung ab, die er als „kulturzerstörerisch“ wahrnimmt. Durch sie würden alle Menschen in Konkurrenz treten und sich am westlichen Konsummodell orientieren. Migration sieht Paech kritisch. Stattdessen fordert er, dass sich Europa zu einem „Kontinent der souveränen Regionen“ wandelt, was angeblich krisenstabiler wäre.


2017 erschien eine Metaanalyse, die untersuchte, welche Verhaltensweisen am stärksten die persönlichen CO2-Emissionen verringern.19 Viele Medien kommunizierten ihr spektakuläres Ergebnis, dass der Verzicht auf ein Kind 58,6 Tonnen CO2-Äquivalent pro Jahr einspare. Der*die durchschnittliche Erdenbürger*in verursacht pro Jahr weniger als ein Zehntel dieses Wertes. Obwohl das Ergebnis der Studie damit unmittelbar unplausibel wirkt, hat es zu einer öffentlichen Diskussion geführt, inwieweit die Geburt von Kindern ökologisch zu verantworten ist.

Faschismus

Viel beunruhigender ist allerdings, dass faschistische Subkulturen im Netz malthusianische Elemente in ihre Ideologie einbauen.20 Der Rechtsterrorist, der in Christchurch vor einem Jahr 51 Menschen ermordete, bezeichnete sich in seinem Manifest als einen Ökofaschisten. Auch der Attentäter, der letztes Jahr 22 Menschen in El Paso erschoss, soll unter anderem auch malthusianische Argumente benutzt haben um seine Taten zu rechtfertigen.

Überdies zweckentfremdete „Landolf Ladig“, hinter dem sich mutmaßlich Björn Höcke versteckt, Paechs Wachstumskritik. Ladig verknüpfte sie mit seiner rassistischen und „ethnopluralistischen“ Weltanschauung. Paech ist sicherlich kein Rassist. Dennoch besteht die Gefahr, dass eine Ökologie, die auf Deglobalisierung setzt, vom Faschismus vereinnahmt wird.

Stand der Dinge

Apocalypse Now?

XR Deutschland behauptet, dass eine Erwärmung von 2,6 bis 2,9 Grad Celsius die Menschheit in ihrer Existenz bedrohe.21 Die Quelle, die das belegen soll, ist der im New York Magazine erschienene Artikel „The Uninhabitable Earth“. Der Artikel beschäftigt sich allerdings mit Worst-Case-Szenarien, bei denen die Klimaerwärmung deutlich höher ausfällt. Überdies stuften 17 Wissenschaftler*innen auf der Seite Climate Feedback, die journalistische Artikel auf ihre Wissenschaftlichkeit prüft, „The Uninhabitable Earth“ als wenig glaubwürdig ein. Sie bemängelten, dass der Artikel irreführend und alarmistisch ist.22

Auch für die Aussage von Bendell und Read, dass die Wissenschaft den Klimawandel und seine Folgen massiv unterschätzt hat, gibt es wenig Belege.23 Anders als auch Klimaskeptiker*innen behaupten, ist die Klimatologie eine anerkannte Wissenschaft. Als solche macht sie das, was Wissenschaft auszeichnet: Sie korrigiert sich regelmäßig selbst. Dies stellt eine Leistung und keinen Skandal dar.

Schließlich sagt die Klimawissenschaft nicht voraus, dass im 21. Jahrhundert mehrere Milliarden Menschen durch den Klimawandel sterben.24 Damit können die Stimmen aus dem Club of Rome und von XR, die das behaupten, sich zumindest nicht auf wissenschaftliche Prognosen berufen. Diese Verzerrungen und Spekulationen wären auch gar nicht nötig, wie der Klimawissenschaftler Richard Betts anmerkte:

Other climate scientists I know generally say something like „It’s great that XR are raising public awareness of climate change & pushing for urgent action, but they really need to get a grip on the science & stop exaggerating, the reality is bad enough without making stuff up.“25

Betts antwortete auf seine Kollegin Tamsin Edwards, die sich vor Reads Auftreten vor Schulkindern schockiert gezeigt hatte: Es sei nicht nur ethisch fragwürdig, sie mit Unwahrheiten über ihren womöglich baldigen Tod zu verängstigen. Zudem verkenne Read, dass vor allem arme Menschen in anderen Teilen der Welt durch den Klimawandel gefährdet seien.

Ungleichheit

Auch der letzte Bericht des Weltklimarates betonte nochmals, dass die Klimafolgen besonders marginalisierte Gruppen und bestimmte Regionen treffen werden.26 Das Reden über das Aussterben der Menschheit vernachlässigt diese Ungleichheiten: Die am stärksten unter dem Klimawandel leidenden Gruppen sind häufig die, die am wenigsten zum Klimawandel beitragen. Aufgrund ihrer wirtschaftlichen Lage verfügen sie überdies nur über geringe Kapazitäten, sich an den Klimawandel anzupassen.

Diese Gruppen besitzen auch kaum politischen Einfluss. Amartya Sens Forschungen haben gezeigt, dass demokratische Systeme sie zumindest vor den schlimmsten Schicksalen wie dem Hungertod bewahren. Dagegen wäre das nicht mehr unbedingt der Fall, wenn die öko-autoritären Kräfte im Club of Rome ihre Vorstellungen durchsetzen könnten. Vor diesem Hintergrund ist schwer vorstellbar, dass autoritäre Regime ihre Bürger*innen besser von den Folgen des Klimawandels schützen können.

Tatsächlich konnte gezeigt werden, dass die Stärkung demokratischer Institutionen zu stärkerem Klimaschutz führt.27 Diese Stärkung stellt auch eine Aufgabe für die etablierten Demokratien dar: Es ist insbesondere für die USA belegt worden, dass die verabschiedeten Gesetze weitgehend die Präferenzen der oberen Einkommensklassen – und nicht die der mittleren oder gar der unteren Klassen – widerspiegeln.28,29 Erste Forschungsergebnisse bestätigen dieses Muster auch für die deutsche Politik.30

Gleichzeitig betrachtet das politisch enorm einflussreiche oberste Einkommensprozent in den USA – im Gegensatz zur Gesamtbevölkerung – Klimaschutz als völlig unwichtig.31 Neben demokratietheoretischen Erwägungen scheint es deswegen auch für eine starke und sozial gerechte Klimaschutzpolitik wichtig zu sein, die real existierenden Demokratien näher an ihr Ideal zu rücken. Bürger*innenversammlungen zum Klimawandel – eine Forderung von XR, die gerade in Frankreich erprobt wird – können einen Baustein bilden.

Migration

Die geistigen Nachfolger*innen von Malthus prognostizieren riesige Migrationsbewegungen durch den Klimawandel, die eine Sicherheitsgefahr darstellen würden. Viele Forscher*innen, die sich mit dem Thema beschäftigen, kritisieren dieses in Medien und Politik beliebte Narrativ32: Erstens migrieren Menschen meist nicht aus einem einzelnen Grund. Auch in Zukunft wird der Klimawandel nur einen Faktor ausmachen, warum Menschen den Ort wechseln.

Zweitens beanstanden die Forscher*innen, dass Klimamigration ohne empirische Grundlage als Sicherheitsgefahr dargestellt wird. Stattdessen diene diese unbelegte Behauptung als politische Rechtfertigung den EU und USA, ihre Migrationspolitik weiter zu militarisieren.

Oft behaupten Medien und Politik, dass der Klimawandel ein entscheidender Faktor war, der die Binnenmigration und schließlich den Krieg in Syrien ausgelöst hätte. Dieser Behauptung steht die Fachliteratur aber kritisch gegenüber.33 Der entscheidende Faktor für die unfreiwillige Migration waren die Repressionen und die Unfähigkeit des Assad-Regimes. Damit verdeutlicht das Beispiel Syrien, dass häufig fälschlicherweise ein Zusammenhang zwischen Klima, Migration und Sicherheit konstruiert wird.

Globalisierung und Klimaneutralität

Eine kritische Haltung gegenüber Migration geht oft mit dem Ruf nach einem Ende der Globalisierung Hand in Hand. Im XR Handbuch fordert ein Artikel, die Welt zu deglobalisieren, um Klimaneutralität bis 2025 zu erreichen. Die Wissenschaft, die sich mit der Wahrheit auseinandersetzt, kann keine abschließenden Antworten auf solche normativen Fragen geben.

Dennoch gibt es gute Gründe, all diese politischen Forderungen abzulehnen. Obwohl Klimaneutralität in fünf Jahren wünschenswert wäre, scheint mir dieses Ziel reines Wunschdenken zu sein. Ich habe kein Modell aus der Forschung gefunden, das so schnell eine klimaneutrale Welt erreicht.

Zugleich würde ein so schneller Übergang in eine kohlenstoffneutrale Welt wahrscheinlich mit starken unerwünschten Nebenwirkungen einhergehen. Gerade in wichtigen Bereichen wie Ernährung, Gesundheit und Energie könnten Engpässe entstehen. Dadurch würde ein solcher Übergang grundlegende menschliche Bedürfnisse ignorieren. Rupert Reads absurde Forderung, das Leben einer jungen Mutter für eine kleine CO2-Einsparung zu gefährden, geht genau in diese Richtung. Es spricht mehr dafür, sich auf einen immer noch sehr schnellen Weg in die Klimaneutralität aufzumachen, der die menschlichen Bedürfnisse respektiert und die Pariser Klimaziele einhält.

Auch die Forderung nach einer raschen Deglobalisierung sehe ich kritisch. Vermutlich würden Produktions- und Lieferketten zusammenbrechen, die lebenswichtige Güter herstellen und verteilen. Auf der Welt gibt es Regionen, die aufgrund ihrer Wasserknappheit auf Lebensmittelimporte angewiesen sind.34 Außerdem ist die Annahme fragwürdig, dass lokale Produktion grundsätzlich ökologischer als globale ausfällt.

Zur Bewältigung der Klimakrise wird ein beispielloser globaler Austausch von Technologien und Ideen, wie wir unsere Gesellschaften verändern können, notwendig sein. Dazu braucht es meines Erachtens Migration und eine soziale und ökologische Ausgestaltung der Globalisierung. Der Klimawandel stellt eine globale Herausforderung dar, die auch eine globale und kooperative Lösung erfordert.

Klimasünde Kind?

Es bleibt noch zu klären, wie die Metaanalyse auf die 58,6 Tonnen CO2-Äquivalent kam, die man angeblich durch den Verzicht auf ein Kind einspare. Diese Zahl beruht auf einer einzigen Studie. Ihre unrealistischen Annahmen wurden schon an anderer Stelle verständlich und ausführlich dargelegt.35 Deswegen folgen nur einige kurze Anmerkungen.

Erstens basiert die hohe Zahl nur auf Daten von drei Ländern; darunter ist mit der USA ein Land mit besonders hohen Pro-Kopf-Emissionen. Zweitens nimmt die Analyse an, dass eine Form der Erbsünde existiert: Die heute geborenen Kinder sind für die CO2-Emissionen ihrer Nachkommen verantwortlich. Diese Verantwortlichkeit reicht bis ins Jahr 2400. Drittens geht sie davon aus, dass bis 2400 keine Klimapolitik stattfinden wird: Die Pro-Kopf-Emissionen bleiben die nächsten Jahrhunderte praktisch konstant.

Wenn das Pariser Klimaziel eingehalten werden soll, dürfen die heute geborenen Kinder allerdings viel weniger CO2 als ihre Eltern oder Großeltern emittieren.36 Weiterhin nehmen die meisten Szenarien, die unter zwei Grad Erwärmung bleiben, an, dass der weltweite CO2-Ausstoß nicht nur auf Null sinkt. Irgendwann in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts sinkt er sogar unter Null, weil CO2 aktiv aus der Atmosphäre entnommen wird.

In der Logik der obigen Analyse müssten diese Entnahmen, die vielleicht bis 2400 andauern, den heute geborenen Kindern zugeschrieben werden. Möglicherweise spart die Geburt eines Kindes damit sogar CO2! Diese Führung ins Absurde zeigt, dass der Wert von 58,6 Tonnen wissenschaftlich wertlos ist.

Experimente? Ja, bitte!

Wie die neuen Malthusianer*innen bin ich auch davon überzeugt, dass die Menschheit den Klimawandel und das Artensterben aufhalten muss. Weniger überzeugen mich ihre Vorschläge, die ich als kontraproduktiv und ethisch problematisch empfinde. Vor allem stört mich eine Position, die die Mitmenschen als Feindbild auserkoren hat.

Gerade unsere Neugierde und unser Lernwillen bilden aber die Grundzutaten, mit denen wir die ökologische Krise eindämmen können. Überall auf der Welt probieren Menschen schon im Kleinen neue ökologischere Wege aus. Dies betrifft nicht nur die Erfindung von nachhaltigen Technologien, sondern auch Experimente im politischen und ökonomischen Bereich.

Die letzten Monate haben gezeigt, dass gerade Kinder und Jugendliche bereit wären, etwas zu verändern. Deswegen scheint es schlau zu sein, ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Potentiale frei zu entfalten – schlauer jedenfalls als eine ständige Problematisierung einer angeblich zu hohen (oder zu niedrigen) Geburtenrate.

Dabei stoßen die neuen gegangenen Wege aber immer wieder mit tradierten politischen und ökonomischen Systemen zusammen, die auf die Umweltprobleme meist nicht angemessen reagieren können. Durch die starken systemischen Beharrungskräfte ist keineswegs sicher, ob die Menschheit ihre Probleme in den Griff bekommt.

Psychologisierende Spekulationen über die Natur des Menschen können aber nicht erklären, warum es in der Vergangenheit und in der Gegenwart völlig unterschiedliche Systeme gab und immer noch gibt. Zudem treffen einige dieser Systeme eher umweltgerechte Entscheidungen als andere. Im dritten Teil der Artikelserie vertiefe ich diese Themen.


Literatur

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  3. Randers J (2012). 2052: Der neue Bericht an den Club of Rome. München: oekom.
  4. Randers J, Maxton G (2016). Ein Prozent ist genug: Mit wenig Wachstum soziale Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und Klimawandel bekämpfen. München: oekom.
  5. Paul Ehrlich: ‚Collapse of civilisation is a near certainty within decades‘. The Guardian Online. https://www.theguardian.com/cities/2018/mar/22/collapse-civilisation-near-certain-decades-population-bomb-paul-ehrlich
  6. Theile C (2014). Bäume statt Kinder. Süddeutsche Online. https://www.sueddeutsche.de/politik/schweizer-initiative-ecopop-baeume-statt-kinder-1.2236931
  7. Haeflinger M (2014). Ecopop, eine „grün eingehüllte Mogelpackung“. Neue Zürcher Zeitung Online. https://www.nzz.ch/schweiz/ecopop-die-gruen-eingehuellte-mogelpackung-1.18370632?reduced=true
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  12. This civilization is finished: so what is to be done. Shed a Light at University of Cambridge. https://youtu.be/uzCxFPzdO0Y?t=3059
  13. How I talk with children about climate breakdown. Schools Climate Conference at University College London. https://www.youtube.com/watch?v=6Lt0jCDtYSY
  14. Bendell J (2019). Hope in a time of climate chaos. UK Council for Psychotherapy. https://youtu.be/naj1oD3DkT0?t=1758
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  16. Kaufmann SK, Timmermann M, Botzki A (Hg.) (2019). Wann wenn nicht wir*. Ein Extinction Rebellion Handbuch. Frankfurt am Main: Fischer Verlag.
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